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Games, Social Media, Online-Porno

Zahlreiche Studien und Zeitungsberichte warnen vor "Internetsucht", "Handysucht" und einer durch Medien gefährdeten Jugend. Exzessive Mediennutzung führe dazu, dass Kinder nicht mehr im Freien spielten, ihre Sprach- und geistige Entwicklung Schaden nähme. Zu viele Videospiele, nur noch soziale Netzwerke und in immer jüngerem Alter Online-Pornos – das führe zu Gefährdungen der Persönlichkeitsentwicklung, Cybermobbing, sexuellem Missbrauch und Sucht. Diese komplexen Phänomene einer sich rasant wandelnden digitalisierten Gesellschaft benötigen einen differenzierten Blick auf die verschiedenen Begrifflichkeiten und ihre Auswirkungen auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen.

10.03.2021

Internetbezogene Störungen

Ein einheitlicher und allgemein anerkannter Begriff für auf digitale Spiele und Internetanwendungen bezogene Störungen existiert nicht. In Anlehnung an das "Memorandum Internetbezogene Störungen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht)" wird im Rahmen von "What´s on" die übergeordnete Bezeichnung "Internetbezogene Störungen" gewählt.

"Dieser Begriff umfasst eine ausgeprägte Störung mit klinischer Bedeutung im Sinne einer Internetabhängigkeit. Eingeschlossen sind für alle Bereiche Online-Anwendungen, die über verschiedenste Endgeräte einschließlich Smartphones genutzt sowie auch Computerspiele, die offline gespielt werden."
[Quelle: Memorandum Internetbezogene Störungen der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht)]

10.03.2021

"Gaming disorder"

Der ICD-11 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) führt in der Ausgabe 2019 erstmals die Diagnose "gaming disorder" auf. Dort ist sie in der Kategorie "Erkrankungen durch abhängiges Verhalten" angesiedelt und die Kriterien unter dem Code 6C51 im englischen Original als "Gaming disorder – predominantly online/offline" folgendermaßen zusammengefasst (frei übersetzt "Computerspielstörung – überwiegend online/offline"):

  1. Verringerte Kontrolle
  2. Priorität im Leben
  3. Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen.

Bei der "gaming disorder" steht speziell das exzessive Spielen im Fokus, da für diesen Bereich die meisten Studien vorliegen. Die Begriffe "Sucht" oder "Abhängigkeit" werden im englischen Original vermieden, weshalb auf Deutsch auch der Begriff "internetbezogene Störungen" verwendet wird. Die Forschung spricht weniger von einer allgemeinen "Internetsucht", sondern von den Anwendungen im Netz, die süchtig machen können: also z.B. bestimmte Spiele an PC und Smartphone, soziale Netzwerke, Online-Pornografie, Kaufangebote. Es ist nicht die Hardware, das Gerät, das die Probleme verursacht. Es wird also nicht von "Handysucht" oder "Computersucht" gesprochen.

Die Diagnose ist theoretisch je nach Forschungsstand erweiterbar um Unterkategorien wie z.B. exzessive Nutzung sozialer Netzwerke oder auch exzessiver Konsum von Online-Pornografie. Die WHO-Mitgliedsstaaten sind angehalten, bis Ende 2021 die Diagnose "gaming disorder" zu übersetzen und in nationale Anpassungen umzusetzen.

Mit der Diagnose hat die Weltgesundheitsorganisation einen Weg geschaffen für die gezielte therapeutische Behandlung der Betroffenen. Zugleich sorgt die Diagnose für Unsicherheit: sie wirft die Frage auf nach einer „Pathologisierung“ von Menschen, die digitale Medien nutzen. Hier mangelt es an Klarheit bei den Übergängen von „normaler“, „exzessiver“ und „krankhafter“ Mediennutzung und den Zuständigkeiten von Jugendschutz, Suchtprävention, Beratung und Therapie. Es ist nicht das Ziel der Diagnose, Menschen mit unproblematischem Spielverhalten zu stigmatisieren oder jugendliche Mediennutzung pauschal zu pathologisieren. Die Diagnose allein löst das Problem allerdings nicht – wenn z.B. Eltern auf der selbstgestellten Diagnose beharren. Die Diagnose kann ausschließlich durch Fachärzt*innen oder Psychotherapeut*innen gestellt werden. Die Aufgabe der Suchtprävention bzw. Beratung ist es, eine passgenaue Einschätzung zu treffen und auch dann Hilfestellungen anzubieten, wenn das problematische Verhalten keine Krankheit darstellt bzw. die Diagnosekriterien (noch) nicht erfüllt. Die Diagnose stellen Fachärzt*innen bzw. Psychotherapeut*innen und veranlassen gegebenenfalls weitere Schritte. Vielen Gefährdeten oder Betroffenen wird durch suchtpräventive Maßnahmen bzw. Beratung schon so früh und gut geholfen, dass ein (stationär) therapeutisches Angebot nicht mehr nötig ist.

Risikofaktoren der jeweiligen Anwendungen spielen in der Präventionsarbeit eine wichtige Rolle, da sie Anknüpfungspunkte für Informations- und Beratungsgespräche sowie weitere Behandlung liefern. Aus diesem Grund werden sie im Folgenden kurz aufgezählt.

10.03.2021

Social Media

Mädchen und Frauen tauchen seltener im spezifischen Versorgungssystem auf als Jungen und Männer, obwohl Studien zeigen, dass beide Geschlechter in ähnlicher Weise von internetbezogenen Störungen betroffen sind.

Die Diagnose "gaming disorder" bezieht sich auf die exzessive Nutzung von Computerspielen. Die suchtartige Nutzung von sozialen Netzwerken ist in der ICD 11 nicht aufgeführt und erfasst daher nicht die vor allem weiblichen Betroffenen. Bei der "gaming disorder" und der ebenfalls nicht in die Diagnose einbezogenen Online-Pornografie sind es tendenziell mehr Jungen und Männer, bei der Nutzung von Social Media und Streaming-Angeboten sind es eher Mädchen und Frauen.

Studien zeigen, dass

  • Internetbezogene Störungen (IBS) bei Frauen und Mädchen ein verbreitetes und ernstzunehmendes Gesundheitsproblem ausmachen,
  • Mädchen und Frauen sich trotz bestehender Probleme im sozialen und psychischen Bereich nicht aktiv um Hilfe bemühen und auch von ihrem sozialen Umfeld seltener dazu motiviert und aufgefordert werden,
  • sie häufig in anderen Versorgungssystemen wegen psychischer oder Persönlichkeitsstörungen wie z.B. Depressionen behandelt werden, ohne dass zunächst die (komorbide) IBS erkannt und mitbehandelt wird [Quelle: Internetbezogene Störungen bei weiblichen Betroffenen: Nosologische Besonderheiten und deren Effekte auf die Inanspruchnahme von Hilfen - IBSfemme, Mainz 2019].
10.03.2021

Online-Porno

Im Zusammenhang mit dem Phänomen "exzessive Mediennutzung" rücken auch die Themen "Porno" und "Porno-Sucht" immer wieder in den Fokus. Schließlich sind Pornos im Internet rund um die Uhr zugänglich – auch für Jugendliche und Kinder.

Eine feststehende Definition für Pornografie gibt es nicht, es lässt sich jedoch festhalten: jede explizite, offene und direkte Darstellung von erigierten Geschlechtsteilen und des Sexualaktes kann man als Pornografie bezeichnen. Davon abgrenzen kann man Formen von Erotik, die mit Stilelementen wie Verhüllung und Anspielungen auskommen. Die Begriffe werden häufig synonym verwenden.

Ein Grundsatzurteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf aus dem Jahr 1974 definiert Pornografie als „grobe Darstellungen des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum bloßen, auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degradiert“ (eigene Hervorhebung).

Auf junge Menschen können Pornos unterschiedliche wirken – je nachdem, ob sie schon eigene sexuelle Erfahrungen gemacht haben und welche Art Pornos sie anschauen.

nur für Erwachsene
nur für Erwachsene

Pornos zeigen Sex, der nach einem Drehbuch abläuft mit Schauspieler*innen, die bestimmten Schönheitsidealen, Klischees und Rollenbildern entsprechen. Soft-, Hard-, oder feministische Pornos bzw. immer beliebter werdende Amateur-Pornos unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht – positiv gesehen zeigen sie die einvernehmliche Vielfalt von sexuellen Möglichkeiten, Körpern und Wünschen. Im Negativen gaukeln sie Praktiken vor, die junge Menschen als "normal" empfinden, an der sie sich orientieren – die aber im Zweifelsfall unrealistische Erwartungen schüren oder sogar Gewalt und Machtmissbrauch als "normal" inszenieren.

Porno-Sucht

Von der Porno-Sucht, an der schätzungsweise etwa 500.000 Menschen in Deutschland leiden, sind meist Männer betroffen – und wie bei fast allen Suchtkranken auch die Angehörigen. Die Porno-Sucht kann so weit gehen, dass Partnerschaft und auch der Arbeitsplatz gefährdet sind und der Sucht untergeordnet werden.

Porno-Sucht ist dadurch gekennzeichnet, dass sexuelle Erregung nur noch mit Hilfe pornografischer Filme oder Bilder möglich ist und sich in exzessiver Selbstbefriedigung bahnbricht. Im Sinne der Dosissteigerung wächst das Bedürfnis nach immer mehr und immer härteren Pornos. Das Interesse an menschlichen Sexualpartner*innen erlischt fast völlig. Die Betroffenen bemühen sich häufig, ihre gesellschaftlich sehr schambesetzte Porno-Sucht zu verheimlichen, was den Leidensdruck noch erhöht. "Neben ihren sexuell vielleicht ausufernden Bedürfnissen hegen sie in der Regel auch den tiefen Wunsch danach, die Partnerin oder den Partner nicht zu verletzen", wie Bert te Wildt es in seinem Buch "Digital Junkies" formuliert, und deswegen "ihre Neigungen nur im Internet auslebten."

Der ICD 11 nahm 2019 die neue Diagnose Zwanghaftes Sexualverhalten (6C72) als eigenständige Impulskontrollstörung mit auf – darunter fällt u.a. auch die Porno-Sucht. Die offizielle deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor, kann jedoch folgendermaßen beschrieben werden:

"Ein anhaltendes Unvermögen, intensive, sich wiederholende sexuelle Impulse oder Triebe zu kontrollieren, was zu wiederholtem sexuellem Verhalten führt, das sich in einem oder mehreren der folgenden Punkte manifestiert:

  • Die Ausübung der sexuellen Aktivitäten hat zentralen Stellenwert im Leben einer Person erlangt. Andere Interessen, Aktivitäten und Pflichten sowie die persönliche Fürsorge und Gesundheit werden aufgrund der Aktivitäten vernachlässigt.
  • Die Person hat zahlreiche erfolglose Versuche unternommen, das Sexualverhalten zu kontrollieren oder deutlich zu reduzieren.
  • Die Person führt das repetitive Sexualverhalten trotz nachteiliger Folgen (z. B. wiederholte Beziehungsbrüche, berufliche Konsequenzen, negative Auswirkungen auf die Gesundheit) fort.
  • Die Person führt das repetitive Sexualverhalten fort, auch wenn sie wenig oder keine Befriedigung daraus zieht."

Quelle: https://www.researchgate.net/publication/348335816_Impulskontrollstorungen_in_der_ICD-11

Das Verhalten muss mindestens sechs Monate auftreten und von großem Leidensdruck und Beeinträchtigungen im Alltag begleitet sein, um als Störung diagnostiziert werden zu können.


Ausnahmen

  • Jugendliche sind von dieser Diagnose ausgenommen – sie kann nur bei Erwachsenen gestellt werden.
  • Ausdrücklich ausgeschlossen sind auch Diagnosen aufgrund von moralischen oder religiösen Vorstellungen, um eine Stigmatisierung oder Kriminalisierung von Betroffenen zu vermeiden.